Ostviertel-Stadtteilmagazin

Viertelgespräch: Renate K.

Meine Oma Renate K., 1938 geboren, hat einen Teil ihrer Kindheit im Ostviertel verbracht. In einem Interview verriet sie mir mehr über das Leben im Ostviertel und über das Aufwachsen in Kriegszeiten.

Zuerst würde ich gerne wissen, wo du genau im Ostviertel gewohnt hast.

Wenn du von Wolbeck kommst und die Wolbecker Straße runterfährst, dann kommt irgendwann auf der rechten Seite die Herz-Jesu-Kirche. Und an der Kreuzung danach ist eine Querstraße. Die heißt Querstraße – da habe ich gewohnt. Genau auf der Ecke, bei dem Ladengeschäft Schröer, dem Lebensmittelladen von meiner Mutter. Dort wurden wir von dem Glockengeläut der Herz-Jesu-Kirche reichlich bedient. Und daneben war Schönen, der hatte einen Gemüseladen.

 

Angefangen bei deiner Kindheit – wie bist du aufgewachsen, was gibt es für Orte, an denen du oft warst und Erinnerungen an die Kindheit im Ostviertel?

Ich habe nur sehr kurz im Ostviertel gewohnt. Mit mir fing der Krieg ja an, ich glaub 14 Tage später. Mein Vater war im Krieg und war dann gar nicht mehr da. Und als die Bomben hier in Münster überall rumflogen, da hat meine Mutter mich und die sieben Sachen gepackt und wir sind ins Sauerland geflüchtet. Da habe ich mit meiner Mutter auf einem großen Gut über dem Kuhstall gewohnt.

Und wann bist du dann wieder zu dem Haus im Ostviertel zurückgekommen?

Ja, da liegt viel dazwischen – ich sage es jetzt mal im Kurzen. Meine Mutter war währenddessen schwanger und hat das Kind bekommen, mein Vater war immer noch im Krieg. Dann ist meine Mutter während der Geburt gestorben, und daraufhin sind meine Großeltern, die damals in Rheine wohnten, ganz fix rübergekommen, damit ich versorgt wurde. Da hab ich dann mit meinen Großeltern so lange gewohnt, bis die Schulen angefangen haben. Zwischendurch habe ich während des Kriegs auch mal in Heessen gewohnt, da sind mir ja die Bomben um die Ohren geflogen.

In Rheine war ich dann für ca. ein Jahr – das weiß ich nicht mehr so genau. Aber was ich weiß, ist, dass ich zur Kommunion wieder in Münster war. Da war man so acht oder neun. Mein Vater hatte in der Zwischenzeit wieder geheiratet, und deswegen kam ich wieder nach Münster. Hier in Münster bin ich dann zur Hansaschule gekommen. Die war ja auch zum Teil kaputt. Da war damals die Volksschule. So nannte sich das, was heute die Grundschule ist. Die Volksschule war in der großen Hansaschule untergebracht, weil alles kaputt war. Es kamen zu der Zeit immer mehr Leute nach Münster, die im Krieg auch irgendwohin geflüchtet sind und nun wieder ihre Wohnungen beziehen wollten. Auf dem Schulhof der Hansaschule wurden dann zusätzlich große Baracken gebaut – die Kinder mussten ja auch irgendwo hin. Das waren große Klassen. In meiner Klasse waren wir immer so 50, 55 Kinder.

Nein, wir wohnen zwar nicht hier in Herz-Muffi, aber an der Querstraße!

Kannst du noch mehr über das Ostviertel erzählen?

Das Ostviertel selbst ließ sich auch nochmal unterteilen. An der Querstraße war immer die Grenze. Alles, was in Richtung Kanal war, das war Herz-Muffi.

Herz-Muffi? Ich habe bis jetzt nur Klein Muffi gehört?

Ja, wir haben auch immer Herz-Muffi gesagt wegen der Herz-Jesu-Kirche, so kenn ich das. Und wo Wasser ist und wo Schiffe sind, ist das Hafenviertel. Das war dann zum Großteil auch ein gemischtes Viertel. Von der Schifffahrt kamen dann auch die Matrosen, es kamen auch Schiffe von außerhalb. Im Hafen machen die dann ja immer Halt, um, was weiß ich, einkaufen zu gehen oder abends mal Heidewitzka, hoch die Tassen, nech… Und da kamen dann schon alles Mögliche an Menschen zusammen – eben auch Ausländer, Holländer, Engländer, was weiß ich nicht alles.

Es war alles da an Leuten, kulturmäßig gesehen und geistig gesehen. Und dadurch ist ja auch diese Sprache entstanden, nicht Masematte, die hatte einen anderen Namen, aber ich komme nicht mehr drauf. Durch die Ausländer und durch die Deutschen, die auch schlecht Deutsch gesprochen haben. Es waren eben auch Leute da, die auch mal Stunk gemacht haben oder ein Messer in der Tasche hatten. Ich weiß noch, dass dieses Gebiet ab der Kirche Richtung Kanal dann auch für mich tabu war. Da brauchte man sich auch keine Freunde suchen… Und wir waren halt immer ganz stolz, wenn jemand gefragt hat, „Ach, wohnt ihr in Herz-Muffi?“, „Neeein, wir wohnen zwar nicht hier in Herz-Muffi, aber an der Querstraße!“

Kannst du mir denn sagen, was sich bis heute im Ostviertel verändert hat?

Also, das ist schwierig. Dann müssten wir beide da jetzt zusammen langgehen, dann könnt ich dir sagen, was schon und was noch nicht da war. In dieser Ecke bis zum Kanal war wenig bebaut, vielfach diese alten einfachen Häuschen, viereckig, Dach drauf. Wie das früher so war, wer das Geld hatte, baute sich ein Häuschen mit Küche, Elternschlafzimmer, ein Kinderzimmer für sieben Personen und ein Klo. Und wenn sie Glück hatten, dann war noch ein Keller drunter. Aber daran habe ich wenig Erinnerungen, weil ich wenig Spielkameraden da aus der Ecke hatte.

Ich hatte überhaupt wenig Spielkameraden, fällt mir gerade so ein. Eine wohnte auch hier in der Ecke, die hieß auch Schröer, ne die hieß auch Renate, ne wie hieß die denn… In unserer Klasse waren sieben Renaten, sieben Renaten waren da. Und mit einer war ich viel zusammen, die wohnte direkt vor der Kanalbrücke. Naja, wie gesagt, da waren früher ein paar kleine Häuser und heute ist ja alles zugebaut, ein Wohnblock am anderen und viel mehr Essensmöglichkeiten. Da sind noch so ein paar alte Hüchsken und der Rest sind alles Neubauten.

Bei unserem Haus war auch die Hälfte wegbombardiert. So sah das überall aus. Wir haben in Schutt und Asche gespielt“

Vielleicht noch als letzte Frage: Was ist dir besonders schön in Erinnerung geblieben?

Besonders schön… wir sind halt aufgewachsen. Du hattest ja den Krieg. Ich habe den ja bewusst miterlebt, ich hatte meine Mutter verloren, ich hatte eine Stiefmutter, das war das Allerschlimmste. Aber du musstest da einfach mit leben. Später hatten wir das Geschäft noch da auf der Wolbecker Straße, aber gewohnt haben wir auf der Margaretenstraße, weil wir eine größere Wohnung brauchten. Denn die Eltern der neuen Frau von meinem Vater sind auch gekommen, und da war die Wohnung einfach zu klein. Und an der Straße war auch überall die Hälfte der Häuser wegbombardiert. Bei unserem Haus war auch die Hälfte wegbombardiert. So sah das überall aus. Wir haben in Schutt und Asche gespielt. Wir sind dann immer durch die Keller gelaufen, wo man noch unten reinkonnte. Ich weiß nicht, was ich da alles mitgenommen habe. Ich hab alte Löffel eingesammelt und war immer ganz stolz, wenn ich eine Schüssel gefunden hatte und bin damit nach Hause gelaufen.

Auf der anderen Seite war ich gut versorgt, meine Eltern hatten ein Geschäft, ich hab gut gelebt und musste keinen Hunger leiden. Wir hatten eine Schneiderin, die für uns genäht hat. Mein Vater ist aus dem Krieg gekommen und hatte einen schönen Wehrmachtsmantel an. Daraus hat mir die Schneiderin einen schönen Mantel genäht, einen schönen dicken Wintermantel. Ich hab auch keinen Hunger gehabt wie viele andere. Manche Kinder aus armen Verhältnissen wurden verschickt, manche auf eine Insel, Norderney oder so, wo sie dann für 14 Tage oder drei Wochen einmal richtig durchgefüttert wurden. Und ich war immer todbeleidigt, weil ich nie mitfahren konnte. „Ja, du brauchst ja wohl nicht mit, ihr habt ein Lebensmittelgeschäft!“ Und dann hab ich gedacht, wenn ihr wüsstet, ich komme an kein Bonbon ran und gar nichts. Und abends, wenn der Laden zumachte, musste ich helfen – aufräumen und Wurstmaschine putzen und sowas. Und dann hab ich mir ab und zu mal ein paar Wurstscheiben geklaut, musste ich aber auch heimlich machen.

Gibt es denn keine Erlebnisse, die du besonders schön fandest?

Doch eins fällt mir ein… später als junges Mädchen durfte ich immer beim Erntedankfest oder Tanz in den Mai mitkommen, das war dann da im Pfarrheim an der Kirche. Und da durfte ich mit, weil ich immer schon sehr groß war. Ich sah wohl älter aus. Das war immer schön, und man konnte tanzen. Alle waren fröhlich und juchheissassa! Auch so zu Hause, wenn Geburtstag war, haben wir auch immer schön gefeiert. Es war nicht alles blöd, wir haben auch viel gelacht.

Viel gelacht – so wie wir beide in diesem Gespräch. Ich denke, du konntest den Lesern durch spannende und persönliche Informationen einen guten Einblick in dein Leben im Ostviertel geben. Vielen Dank dafür! (Fotos: Tabea Moschner)
 

Tabea Moschner

Tabea macht einen Bundesfreiwilligendienst im Bennohaus.

Ein Kommentar

  • Sehr interessant, mal was anderes diese Zeit nicht aus den Geschichtsbüchern geschildert zu bekommen, sondern von einer Person, die man sehr gut kennt.
    Danke Dir