Ostviertel-Stadtteilmagazin

Making of M.A.R.C.

Vielleicht habt Ihr Euch ja schon eine der ersten beiden Ausgaben unseres neuen Geschichtsmagazins daMalS angeschaut. (Links: Folge 1 | Folge 2) Sagen wir es kurz: Euch wird der ungewöhnliche Moderator aufgefallen sein. In diesem Hintergrundbericht werde ich Euch erläutern, wie es dazu kam.

Nachdem wir im Frühjahr des letzten Jahres beschlossen, unser Geschichtsmagazin, das zu dem Zeitpunkt noch timeline hieß, in Zukunft nicht mehr ganz so häufig zu produzieren wie unsere anderen Sendungen, war für uns klar: Das ist die beste Gelegenheit, dem Ganzen auch ein neues Konzept zu verpassen! Deshalb war es uns auch lieber, fortan mit einem neuen Namen zu arbeiten — “daMalS” war geboren! Und wenn das neue Geschichtsmagazin schon nicht so häufig erscheinen sollte wie das alte, dann wollten wir doch wenigstens dafür sorgen, dass dem Publikum etwas Spannendes und komplett Neuartiges geboten wird. Da lag der Gedanke nahe, die Moderationsteile des Magazins zu etwas Besonderem zu machen.

Um diese Zeit herum las ich einen interessanten ZEIT-Artikel (hier noch ein anderer Artikel aus der SZ), der erst wie Science Fiction oder eine Verschwörungstheorie klang: Zeitungsartikel aus dem Computer! Seit einiger Zeit werden Programme erprobt und auch bereits eingesetzt, die — z.B. für Zusammenfassungen von Fußballspielen oder Kurzberichte über Autounfälle oder dergleichen — nur mit einigen Informationen gefüttert werden müssen und anschließend eigenständig Zeitungsmeldungen der gewünschten Länge produzieren. Die Leserschaft soll angeblich den Unterschied nicht merken, da das Programm eigenständig aus hunderten bis tausenden vorgefertigten Formulierungsmöglichkeiten wählt und zu einem stringenten Text verstrickt.

Auf der einen Seite klingt das geradezu dystopisch: Künstliche Intelligenz dringt in alle Bereiche des Arbeitslebens vor und macht nun sogar Journalisten ihren Arbeitsplatz streitig! Auf der anderen Seite denke ich mir: Es bleibt (zunächst) vollkommen ausgeschlossen, dass solche Programme zu mehr als nur Kurzmeldungen imstande sind. Meinungen, Kommentare oder auch nur kreative oder emtional verfasste Einschübe wird die KI so schnell nicht hinbekommen. Und: Journalisten haben auf derartige Kurzartikel ohnehin selten wirklich Lust. Wie sonst wären die zahlreichen Ausrutscher und Totalausfälle zu erklären, die man immer wieder auf der letzten Seite des SPIEGEL oder in Facebook-Seiten wie “Perlen des Lokaljournalismus” zusammengetragen zu lesen bekommt?

Kurz: Diese Programme beseitigen den menschlichen Fehler. Nehmen dem Menschen sogar lästige Arbeit ab und erlauben ihm, sich mit interessanteren Dingen zu beschäftigen. Und ist das nicht ohnehin eins der Ziele der Künstlichen Intelligenz? Warum also nicht auch in Zeitungen und Online-Portalen?

Für mich lag also der Gedanke nahe, dass solch ein Programm auch die Moderationen für daMalS schreiben könnte. Themen der Geschichte präsentieren, indem man Technologie der Zukunft verwendet. Für mich schloss sich da ein Kreis.

Und der Weg dorthin war noch nicht einmal sonderlich weit. Ein Bekannter von mir, Hjalmar Cringe, promoviert derzeit an der Uni Münster in Informatik. Seine Arbeitsgruppe setzt sich u.a. mit Künstlicher Intelligenz auseinander, und wie er mir auf meine Anfrage hin erzählte, tüftelten sie tatsächlich ebenfalls an einem Prototypen eines eigenständig Texte verfassenden Computerprogramms. Ein echter Glücksfall! Hjalmar meinte, mit nur ein paar Modifikationen sei es ohne Weiteres möglich, Moderationstexte für daMalS zu verfassen. Allerdings gab er mir einen Rat: Statt in jeder Sendung wieder den Moderator erwähnen zu lassen, dass seine Texte aus dem Computer stammten, sollten wir doch am besten gleich einen Computer-Moderator einsetzen, nach dem Motto “Wenn schon, denn schon”! Aus einem Foto von mir bastelte er innerhalb von ein paar Minuten ein kleines grafisches Wiedergabe-Programm mit Sprachausgabe, das allerdings ziemlich krude aussah. Es bestand nur aus ein paar verschiedenen Farben und konnte nur zwei bis drei unterschiedliche Mundbewegungen darstellen. Hjalmar meinte, wenn der Moderator zu menschlich erschiene, würden sich die Zuschauer wahrscheinlich unwohl fühlen (über diesen Effekt, das Uncanny Valley, zeigte er mir sogar ein Video), daher sollten wir lieber ein solches, etwas retro erscheinendes Modell nehmen. Zumal das ja auch mehr in den Kontext der Sendung passen würde. Bis heute weiß ich nicht, ob Hjalmar sich nicht vielleicht doch einfach nur Arbeit sparen wollte…

Wir testeten den “Moderator” zunächst mit dem Zweck, für den sein Prototyp bestimmt gewesen war: Wir fütterten ihn mit allen relevaten Daten zu einem Bundesliga-Spiel. Heim- und Gastmannschaft, Zuschauerzahl, Schiedsrichter, Tore, gelbe und rote Karten usw. Mir war es schon beinahe unheimlich, als dieses Bild von mir auf dem Bildschirm nach nur ein paar Sekunden zu sprechen anfing und mir in sachlichen, aber durchaus interessanten Worten einen Bericht über das Spiel gab. Aber: Ich staunte.

Nun, sagte Hjalmar, müssten wir vor allem noch passende Formulierungen für die Moderation finden und in das System einpflegen, und schon könne es losgehen. Die nächsten Stunden verbrachten wir damit, hunderte solcher Formulierungen zu finden. Das Schwierigste konnten wir uns aber zum Glück sparen: die Sprachsyntax, also die Art und Weise, die Sätze zu formulieren und zu verbinden, sowie die Grammatik. All das war ohnehin schon im Programm gewesen. Nur einzelne Wortspiele oder dergleichen müsse man nachher natürlich noch manuell eingeben, das sei für diese Art Programm einfach noch zu viel.

Nach langer Arbeit konnte ich es kaum erwarten, dem Moderations-Programm endlich die Daten für seine erste Moderation zu geben. Ausstellung. Propaganda im Ersten Weltkrieg. LWL-Landesmuseum. Go! Und das Programm lieferte! Es hatte tatsächlich funktioniert.
Ich bedankte mich tausendfach (und über diesen Artikel noch einmal!) bei Hjalmar für seine tolle und unentgeltliche Arbeit, und als ich dem Moderator seinen eigenen Namen geben wollte, damit er sich in der ersten Sendung vorstellen würde, entschied ich mich für Marc (wie in “hjal MARC ringe”).

Ich finde es unglaublich cool, wie viel Technologie in unserem daMalS-Moderator steckt und wie viel Arbeit dahintersteht. Er mag nicht so aussehen, aber: M.A.R.C. ist ein Stück neueste Technologie! Und so schließt sich für mich nun wirklich dieser Kreis.

Jakob Töbelmann

Jakob Töbelmann

Langjähriger Münsteraner friesischen Geblüts. Auszubildender zum Mediengestalter Bild & Ton im Bürgerhaus Bennohaus.

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