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From Ukraine to Ostviertel

Auf die Frage ‚Was beschreibt dich?‘ antwortet Ruslan: ‚Meine Arbeit und meine Hobbys‘. Der 30jährige Zahnarzt ist vor fast 20 Jahren mit seiner Mutter aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Seit einem Jahr wohnt er im Ostviertel Münsters und erzählt uns über seinen steinigen Weg zum glücklichen Leben.

 

Ruslan, wann bist du nach Deutschland gekommen?

Das war, glaube ich, Ende August 2000. Ich war elf Jahre alt, und in der Ukraine war ich in einer Schule gewesen, die Deutsch als Fremdsprache unterrichtet hat. Ich war 4 Jahre auf dieser Schule dort. Ich konnte ein bisschen Deutsch lesen und wusste, was ich, du, er, sie, es und so was ist. Also ein bisschen Grammatik, vielleicht aber auch nicht mehr, und dann kam ich hierher und musste dann auf eine Hauptschule in die fünfte Klasse. Nach drei Wochen in Deutschland direkt in der Schule. Direkt ins kalte Wasser. Das war am Anfang sehr hart. Wenn ich mein Zeugnis von damals anschaue (Er lacht.): Mit Gnade gerade noch bestanden. Mit dem Versprechen, dass ich dranbleibe. Da hatte ich eine Lehrerin, unsere Klassenlehrerin, Frau Heizinger hieß sie. Sie war ziemlich streng. Viele haben sich von ihr gefürchtet, und ich auch. Sie hat es natürlich gut gemeint. Irgendwann hat sie zu mir gesagt, dass ich faul wäre. Das hat an mir genagt, und dann habe ich mehr Gas gegeben. Ich hatte Nachhilfe. Die Schule hat noch einen Deutschkurs angeboten für mich, ein paar Leute aus Spanien, zwei Leute aus der Türkei und kleine Kinder. Damit ist alles deutlich besser geworden, meine Noten haben sich krass verbessert. Nach zwei Jahren auf dieser Hauptschule konnte ich auf dem Mittlere-Reife-Zug wechseln. Die Lehrer durften dafür einen Schüler vorschlagen, und das war dann halt ich. Frau Heizinger hat ein gutes Wort für mich eingelegt. Es war damals ein experimentelles Projekt im Zweig, dass in einer Hauptschule integriert eine Klasse die mittlere Reife ablegt. Und nach einem Jahr habe ich dort Gas gegeben, kam danach in die Realschule und von dort auf eine Fachoberschule, was die letzten drei Jahre des Gymnasiums sind. Ich hatte keine Ahnung, was ich beruflich machen sollte. In den letzten beiden Jahren habe ich mir gesagt: Medizin. Man sagt: Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss. Medizin war mein Ziel und meine Motivation. Deswegen habe ich viel gelernt.

Du hast die ganze Zeit hart arbeiten müssen, oder?

Ja, das ist so. Aber auch nur weil ich irgendwann ein Ziel hatte. Ohne Ziel geht’s nicht. Am Anfang wollte ich mich einfach nur zurechtfinden, da lernst du halt Deutsch. Ins kalte Wasser geworfen zu werden kann ich dir nur empfehlen! (Er lacht.) Aber nur, wenn du wirklich das Glück hast, dass dich jemand unterstützt. Meine Mutter und ihr jetziger Mann haben mich finanziell echt stark unterstützt, und sie waren für mich da, auch wenn es ganz schwierig war.

Warum hat deine Mutter entschieden, nach Deutschland zu kommen?

Weil es zu dieser Zeit in der Ukraine beruflich nicht gut aussah. Sie ist zum Arbeiten hierhergekommen.

Warum Deutschland? Konnte sie Deutsch?

Meine Großeltern waren in Ostdeutschland – also zu DDR-Zeiten. Zu dem Zeitpunkt konnte sie kein Deutsch, aber sie ist als Kind sehr oft und lange hier gewesen. Das hat sich einfach angeboten. Sie hatte also schon ein bisschen Anschluss. Dann musste sie nur entscheiden, ob sie es macht und wann sie es macht. Sie hat es gemacht, was ich sehr mutig finde. Ich denke nicht, dass sie diese Entscheidung bereut.

War die Entscheidung deiner Mutter sehr schwierig für dich?

Also, eigentlich was es OK, aber gleichzeitig auch schwierig. Du hast immer Leute, die etwas gegen dich haben. Man kann nicht mit allen zurechtkommen, sage ich mal. Aber wenn man es versucht und die Leute ein bisschen näher kennenlernt, habe ich die Erfahrung gemacht, dass es eigentlich gar nicht so schwierig ist.

 

Sobald man die Sprache so gut beherrscht, dass man sich ausdrücken oder mitteilen kann, dann akzeptieren dich die Leute.”

 

Wie lange hast du gebraucht, bis du dich in Deutschland zu Hause gefühlt hast?

Gute Frage. Ich hab das nach einem halben Jahr irgendwie so akzeptiert: „OK, ich bin jetzt hier, ich habe die Sprache gelernt etc.“ Das war so ein unglaublich steiler Lernprozess für mich. Ich habe mir gesagt: „OK, da bin ich, ich bin hier angekommen. Ich werde sicherlich jetzt nicht bald wieder weggehen müssen.“ Ich glaube, nach einem Jahr hatte ich das Gefühl, dass ich zu Hause bin. Es ging ziemlich schnell. Das ist aber ein Prozess, mit dem Zuhause-Gefühl.

Wann hast du dich von anderen Leuten akzeptiert gefühlt?

Sobald man die Sprache so gut beherrscht, dass man sich ausdrücken oder mitteilen kann, dann akzeptieren dich die Leute. Und die, die es halt nicht wollen, die werden dich nicht akzeptieren, selbst wenn du ein Deutscher wärst. Sie können dich nicht riechen, wie man in Bayern sagt.

Wie würdest du dich jetzt beschreiben?

Was mich beschreibt, sind wahrscheinlich mein Beruf und meine Hobbies: Mein Beruf ist Zahnarzt. Den übe ich seit einem Jahr mit unerwartet viel Freude aus. Und meine Hobbies sind Schachspielen, Malen und Kampfsport.

Warum unerwartet?

Wenn du Kinder mal fragst, was sie werden wollen, würde dir keins sagen, dass es Zahnarzt werden will. Es sei denn, sie sind Zahnarzt-Kinder oder Arzt-Kinder, was ich nicht bin. Selbst im Studium war das so. Das war ein steiniger Weg für so viele von uns. Und irgendwann haben sich alle gedacht: „Warum mache ich das Ganze?“ Die Erfahrung ist jetzt eine komplett andere, nachdem man fertig ist.

Was hattest du dir damals vorgestellt, als du studierst hast?

Im Prinzip wollte ich ursprünglich Medizin studieren. Dann habe ich zwei Jahre gewartet, dass ich anfangen konnte. Ich hatte einen ziemlich guten Abi-Schnitt, war der Zweitbeste in meinem Jahrgang, aber das war nicht genug für Medizin. Nach zwei Jahren Bewerben habe ich mir gedacht: „OK, die Aussichten werden nicht besser.“ Es war gerade die Zeit mit dem G8, daher gab es einfach zu viele Bewerber. Es gab noch einen Jungen aus Baden-Württemberg, der ein Abi von 0,67 hatte, und trotzdem hat er keinen Studienplatz in Medizin bekommen. Das ist ein leidiges Thema. Auf jeden Fall habe ich nach zwei Jahren gesagt: „Egal, jetzt fange ich an!“ Und dann habe ich Psychologie angefangen, weil das meine zweite Wahl gewesen wäre. Zahnmedizin hatte ich gar nicht auf dem Schirm. Als ich das dann in Würzburg angefangen habe, war das Gebäude der zahnmedizinischen Fakultät direkt gegenüber von dem der psychologischen. Und dann hat man ein bisschen Kontakt und denkt darüber nach, „Das könnte ich auch machen“, „Es gibt noch diesen Beruf“, „Warum denkst du nicht darüber mal nach?“. Ich habe für mich entschieden, dass ich etwas Handwerkliches machen möchte, so was Ähnliches wie Handwerk, aber auch mit dem geistigen Anspruch, den der Beruf mit sich bringt. Zahnmedizin war perfekt dafür. Und dann bin ich gewechselt.

Und jetzt kannst du sagen, dass das eine gute Entscheidung war?

Ja genau, ich bin froh darüber. Es ist sehr abwechslungsreich und genau mein Ding. Das gefällt mir. Und die Story ist total lustig, wie ich dazu kam. Wir mussten einen Brief schreiben, also eine Bewerbung, und die abschicken. Jetzt ist es ein bisschen anders, aber früher war das so. Es gab eine zentrale Anlaufstelle in Dortmund. Während ich noch Psychologie studiert habe, hab ich diese Bewerbung gemacht, abgeschickt und von denen erst mal nichts mehr gehört. Ganz lange. Ich habe dort kurz vor dem Bewerbungsschluss angerufen, und die meinten: „Ja, es sind noch ein paar Briefe da, warten Sie mal ab!“ Am letzten Tag kam ich nach Hause, und mein Mitbewohner hat mir einen Brief hingelegt, und das war meine Bewerbung. Es stand drauf, dass sie unterfrankiert war. Das heißt mein Brief war bestimmt ein paar Wochen bei der Post geblieben und kam dann zurück. Dann habe ich meinen Mitbewohner um Hilfe gebeten. Ein super Typ, dem ich sehr dankbar bin. Ohne ihn hätte es in dem Jahr sicher nicht geklappt. Der Brief musste in Dortmund bis 12 Uhr ankommen, also haben wir uns in Würzburg um acht Uhr ins Auto gesetzt und sind nach Dortmund gefahren. Und um 11:30 Uhr haben wir den Brief eingeworfen. Ich habe sogar ein Foto davon. Also ohne Markus hätte es damals nicht geklappt. Und so hat es schon lustig angefangen.

Also Glück im Unglück! Du hast neben deinem Beruf auch deine Hobbies erwähnt. Warum Kampfsport?

Ich hab in München durch einen Freund angefangen. Ich hatte da einen sehr guten Trainer für Taekwondo, und der hat eben nicht nur den Fitness-Aspekt mitgebracht, sondern auch viel über die Lebenseinstellung erzählt. Ich habe sehr viel von ihm gelernt. Die wichtigste Sache ist, nicht aufzugeben. Als ich als 14Jähriger mit Taekwondo angefangen habe, habe ich erfahren: Egal was ist, du musst durch. Und da gab es einige Momente im Studium, als es richtig hart war. Ich habe mir im Studium zum Beispiel meinen Fuß gebrochen. Trotzdem habe ich mir kein Freisemester genommen und hab es durchgezogen. Es war ziemlich hart, aber es hat mir sehr geholfen, dass ich gelernt hatte, mich durchzubeißen.

Und machst du Taekwondo bis heute?

In Würzburg habe ich das gemacht. Ich habe mich mit meinem Trainer sehr gut verstanden, und wir waren auf dem gleichen Level. Seit dem Umzug nach Münster mache ich es nicht mehr. Es wäre schwierig, so einen Trainer zu finden. Ich habe hier aber auch etwas Schönes gefunden: Karate.

 

Mir fehlen die Berge. Dafür aber habe ich hier ganz viele Fahrräder.”

 

Wann bist du nach Münster gezogen?

Nach Münster bin ich nach meinem Studium gezogen. Das war im Februar 2018. Und jetzt versuche ich, mich hier ein bisschen heimisch zu fühlen.

Inwieweit kann man das Ostviertel mit dem Stadtviertel vergleichen, in dem du in Bayern gelebt hast?

Das Ostviertel in Münster ist für mich irgendwie eine ziemliche Mischung, so ein bisschen eine Mischung aus allem. Hier gibt es die Nähe zu den Menschen, zu den Nachbarn. Auf jeden Fall die Nähe wie in einer Kleinstadt, aber die Kultur einer großen Stadt wie München. Hier gibt es auf jeden Fall die Veranstaltungen, die in Münster genauso wie in München stattfinden, das kann man schon vergleichen. Das sind die Vorteile. Die Nachteile sind, dass du natürlich eine ganz andere Umgebung hast. Mir fehlen die Berge. Dafür aber habe ich hier ganz viele Fahrräder. Die schönen weiten Felder. Und inwieweit das Viertel selber vergleichbar ist… es ist halt schön. Es ist ein sehr schönes Viertel, aber ich glaube, wenn man mit dem Fahrrad durch Münster fährt, ist es schwer, ein Viertel zu finden, das nicht schön ist. Meine Freunde aus Würzburg waren letztens hier, und die waren auch sehr begeistert von der ganzen Stadt.

Würdest du dich als glücklich bezeichnen?

Glücklich?

Ja, mit allem, was du hast oder machst.

Ja. Ich bin sehr zufrieden. Glück ist Zufriedenheit. Es gibt bestimmte Bereiche, wo ich noch mehr möchte. Zum Beispiel mit dem Beruf ist sehr viel verbunden. Aber momentan bin ich zufrieden und glücklich.

Was denkst du, wie dein Leben aussehen würde, wenn du damals nicht nach Deutschland gekommen wärst?

Das überlege ich mir ganz oft. Mit dem jetzigen Konflikt in der Ukraine ändert sich die Perspektive natürlich drastisch. Ich komme zwar aus dem Westen der Ukraine, wo es ruhiger ist, aber es ist trotzdem alles so besorgniserregend. Ich würde mit Sicherheit etwas komplett anderes machen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, was. Es war reiner Zufall, dass ich damals Zahnmedizin studiert habe. Wer weiß, was ich dann vielleicht gemacht hätte, vielleicht einfacher Handwerker, vielleicht Musiker… (Er lacht.)

Du wärst eine ganz andere Person?

Natürlich. Die Erfahrungen ändern einen Menschen. Also, jetzt betrachte ich mich auch als eine Art Weltbürger. Der Umzug hierher hat mich dazu bewegt, über den Tellerrand zu gucken. Man lernt so viele unterschiedliche Menschen kennen und stellt doch fest: Es gibt so viele Ähnlichkeiten. Ich glaube, ich wäre auf jeden Fall schon ein bisschen anders. Auch die deutsche Mentalität hat mich geprägt. Ich bin nicht der Pünktlichste (lacht), aber wer weiß, ob ich nicht noch unpünktlicher wäre! Was ich an der Uni sehr zu schätzen gelernt habe, ist das genaue Arbeiten, also dass wirklich zu 100% alles passen muss. Auch wenn man weiß, dass 100% eigentlich nicht erreicht werden können, man versucht trotzdem, dass alles passt, und wenn irgendwas nicht passt, dann machst du es immer wieder, immer wieder, bis du an einem Level angekommen bist, wo du sagst: „OK,  besser wirst du einfach nicht mehr.“ Das habe ich im Kampfsport so erlebt, wo man die Bewegungen lernt und dann einfach weitermacht, schlicht indem man sich festbeißt und nicht loslässt und immer weitermacht. So eine Persönlichkeit hat mein Trainer, und das hat er an uns weitergegeben. Und im Studium ist es genau das Gleiche. Anfangs arbeitest du an einer Puppe, dann kontrollieren das die Ärzte, und selbst wenn es schon gut ist, schicken die dich noch fünf weitere Male zurück, was echt frustrierend ist. Nur damit du von neuem anfängst, bis sich das bei dir als Standard etabliert.

War Deutschland eine gute Wahl von deiner Mutter?

Ja, aber beruflich kann ich es nicht vergleichen mit der Ukraine. Ich habe nicht die Erfahrungswerte, wo ich sagen kann: „OK, dort arbeiten sie ungenauer oder noch genauer.“ Es wäre mit Sicherheit eins meiner Ziele, dass ich für ein halbes oder ganzes Jahr ins Ausland gehe. Dann würde ich einfach mal gucken, ob ich das beruflich oder für ein Hilfsprojekt machen will. Wie ich mich einbringen kann oder was ich lernen kann. Das Land ist auch komplett egal. Das kann Osteuropa sein, das kann die Mongolei sein, das kann Südamerika sein.

Afrika?

Afrika, genau. Aber da ist es ein bisschen zu heiß für mich. (Er lacht.)

Würdest du gerne noch etwas sagen?

Ich bin einfach total dankbar für die Möglichkeiten, die ich bekommen habe. Ich bin mit gar nichts hergekommen und konnte alle Angebote nutzen, zum Beispiel BAföG, ohne das hätte ich gar nicht studieren können. Daher bin ich sehr dankbar. All die Personen, die verschiedene Sachen machen, sind für mich eine Inspiration. Man sieht, was sie tun, und wird gefördert und unterstützt in Form von Ratschlägen. Dann kann man tatsächlich irgendwie seine Träume verwirklichen. Jetzt versuche ich es zurückzugeben. Durch meine Berufswahl wollte ich irgendwie was schaffen, etwas Kreatives – jeder Patient ist anders, man muss schon kreativ denken. Das ist für mich eine Form, es zurückzugeben. Ich freue mich total, dass ich die Menschen von Schmerzen befreien und sie glücklich machen kann, indem sie mit einem Lächeln rauskommen.

Das muss ein schönes Lächeln sein!

Ja, das ändert die Person total. Wenn jemand nicht lacht, weil er mit seinen Zähnen unzufrieden ist, dann wird er traurig, in sich zurückgezogen. Und wenn man einfach herzhaft so sein kann, wie man möchte, dann verändert das die Person total. Nach einem halben Jahr sieht man einen komplett zum Guten geänderten Mensch.

So angenehme Termine hat man wirklich nicht immer beim Zahnarzt! Wir danken Ruslan für das Gespräch. (Fotos: Daria Jaranowska)

Daria Jaranowska

Daria Jaranowska

Journalistin, Koordinatorin für Internationales und Bürgermedien im Bennohaus.

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