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Suche nach dem Selbst

Jugendliche können in mitunter schwierige Lebensphasen geraten, die auch ihre Psyche belasten können. Hier ist es wichtig, dass die Jugendlichen Ansprechpartner haben, wie Eltern, Freunde oder auch Psychotherapeuten, die Hilfestellung leisten können. Dipl.-Psych. Vera Frühauf, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, der Christoph-Dornier-Klinik in Münster, weiß durch die tägliche Arbeit mit psychisch erkrankten Jugendlichen, worauf es beim Umgang mit ihnen ankommt.

Ursachen für Erkrankungen

Eine psychische Erkrankung bei Jugendlichen wird oft durch eine Vielzahl von Faktoren begünstigt. Auf der einen Seite spielen hormonelle Veränderungen eine Rolle, die sich auf die körperliche Entwicklung auswirken. Hinzu kommen Anforderungen aus der Umwelt.

Dipl.-Psych. Vera Frühauf (Benutzung des Fotos mit freundlicher Genehmigung)

„Man kann sagen, dass es bestimmte Entwicklungsaufgaben gibt, die die Jugendlichen haben. Das könnte beispielsweise so etwas sein wie Autonomieentwicklung. Also wenn man unabhängiger von den Eltern wird, mit Gleichaltrigen immer mehr Kontakte hat, seine eigene Identität findet oder Selbstwert entwickelt. Wenn es da an der einen oder anderen Stelle hakt, kann es zu Problemen kommen“, weiß Frühauf.

Weitere Faktoren, die die Entstehung von psychischen Erkrankungen erklären, sind neben möglichen genetischen Einflüssen ungünstige Lernerfahrungen, wie z.B. dass von den Eltern ein bestimmtes Verhalten vorgelebt wird. Jugendliche mit Angsterkrankungen könnten womöglich Eltern haben, die besonders ängstlich sind.

Genau hingucken

Zunächst einmal sei gesagt, dass es in der Pubertät immer Stimmungsschwankungen gibt, was ganz normal ist. Allerdings sollten Eltern bei Veränderungen im Erleben und Verhalten des Jugendlichen aufmerksam werden.

Frühauf erläutert dies genauer: „Man kann schon vergleichen, wie es bei den Freunden im gleichaltrigen Kreis ist. So kann man überprüfen, ob das Verhalten ähnlich oder beim Kind stärker ausgeprägt ist. Beispielsweise, ob das Kind traurig oder belastet wirkt, was ein Hinweis auf eine Depression sein könnte. Ansonsten ist Rückzug ganz oft ein Zeichen – wenn vorher Hobbys ausgeübt wurden, Freunde viel getroffen wurden und dies plötzlich ganz ausbleibt oder wenn sich die Leistungen in der Schule verschlechtern. Wirkt der Jugendliche belastet oder bedrückt, kann das ein Hinweis für verschiedene Erkrankungen sein.“

Verändert sich das Verhalten des Jugendlichen also so stark, dass man ihn nicht mehr wiedererkennt, dann sollte man aufmerksam werden.

Das Problem ansprechen

Es ist immer wichtig, dem Jugendlichen keinen Druck zu machen und ihn nicht zu bedrängen. Sonst besteht die Gefahr, dass der Jugendliche blockiert und nicht darüber sprechen möchte. Vielmehr sollte man in den meisten Fällen behutsam an die Sache herangehen, wie Frühauf weiß:

„Man sollte signalisieren, dass man sich Sorgen macht und die Stimmung beschreiben, die man beobachtet hat. Dass man Sorge ausdrückt, ohne Vorwürfe zu machen.“

Erstmal sollte also einfach nur ein Gesprächsangebot gemacht werden. Des Weiteren muss ein gewisses Vertrauensverhältnis geschaffen werden, damit der Jugendliche gesprächsbereit bleibt. Ausnahmen sind Essstörungen mit starkem Untergewicht oder akute Gefährdungen wie z.B. Lebensüberdruss, bei denen sofortiger Handlungsbedarf besteht.

In der Christoph-Dornier-Klinik findet zuallererst ein unverbindliches Erstgespräch statt. Dabei steht es für den Jugendlichen noch nicht im Vordergrund, sich für oder gegen eine Behandlung zu entscheiden.

„Wir sitzen mit den Eltern und den Jugendlichen zusammen und gucken dabei natürlich auch, wer gerade die Behandlung möchte. Dann kann es sein, dass der Jugendliche die Behandlung erstmal ablehnt. Zum einen betonen wir hierbei die Freiwilligkeit, da es völlig okay ist, das hier vielleicht erstmal auszuprobieren.“

Dass die Christoph-Dornier-Klinik ein offenes Haus ist und keine geschützten Stationen hat, nimmt ebenfalls beunruhigende Gefühle. Manchmal lohnt es sich auch, den Klinik-Alltag erst einmal für sich zu entdecken und  dem Ganzen eine Chance zu geben.

Wann wird eine stationäre Behandlung nötig?

Betroffene, die noch nie in einer stationären Behandlung waren, hadern oft damit in eine Klinik zu gehen. Manche Betroffene verbinden einen stationären Klinikaufenthalt sogar mit persönlichem Scheitern. Es gibt jedoch Anzeichen dafür, wann eine stationäre Behandlung nötig wird, wie Frühauf weiß:

„Bei den Jugendlichen ist es oft so, dass die Familien berichten, dass die Jugendlichen nicht mehr gut zur Schule gehen können. Des Weiteren kann es sein, dass sie sehr zurückgezogen sind und der Alltag insgesamt sehr eingeschränkt ist. Das geschieht dann nicht nur in Bezug auf die Schule, sondern auch in Bezug auf Hobbys. Auch wenn eine ambulante Therapie stattgefunden hat und man nach einem Jahr merkt, dass es nicht funktioniert, sollte über einen stationären Aufenthalt nachgedacht werden. Suizidalität oder selbstverletzendes Verhalten sind auch Gründe, die für eine stationäre Therapie sprechen können.“

Wenn also die Belastungen und die Beeinträchtigungen groß sind und der Alltag nicht mehr funktioniert, sind das eindeutige Zeichen.

Der Klinik-Alltag

Der Tag in einer Klinik für psychische Erkrankungen beginnt in der Regel mit einem gemeinsamen Frühstück. Dabei geht es für manche darum, wieder in eine gewisse Alltagsroutine hineinzufinden. Auch für Jugendliche, die beispielsweise unter Ängsten leiden, gilt es sich diesen zu stellen.

„Wenn jetzt zum Beispiel die Jugendlichen sehr zurückgezogen sind, dann arbeiten wir natürlich auch mit daran, dass sie aus ihren Zimmern auch zwischendurch herauskommen und zum Beispiel an den Mahlzeiten teilnehmen“, so Frühauf.

Wenn vorher also keine Tagesstruktur mehr da war, wird mit den Jugendlichen daran gearbeitet, nicht in alte Muster zurückzufallen. Der Tag ist jedoch nicht komplett durchgeplant, sodass die Patienten auch Freiraum bekommen. Eine Ausnahme gibt es jedoch:

„Bei den anorektischen Patienten ist das ein bisschen was anderes, weil die einen komplett durchstrukturierten Tag haben, da sie gemeinsam essen und beim Essen kontrolliert werden.“

Stark geprägt wird der Klinik-Alltag auch durch verschiedene Therapieangebote.

„Es gibt zum einen die Einzeltherapie, die bei uns sehr intensiv ist. Die Jugendlichen bekommen zehn Einzelsitzungen pro Woche á 50 Minuten, was schon mal zwei Stunden Einzeltherapie am Tag sind. Dazu kommen dann noch die Gruppen. Da ist es häufig so, dass noch mehrere Gruppen besucht werden.“

Therapieformen und Therapiedauer

Zur Behandlung unterschiedlicher Erkrankungen, wie beispielsweise Depressionen, Zwangserkrankungen oder Phobien gibt es verschiedene Therapieverfahren, die angewendet werden können. Dazu zählen die analytische Psychotherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie oder die kognitive Verhaltenstherapie. Die kognitive Verhaltenstherapie spielt in der Christoph-Dornier-Klinik eine wesentliche Rolle:

„Wir behandeln vor allem nach der kognitiven Verhaltenstherapie. Das heißt, dass wir viele Konfrontationsübungen durchführen. Zum Beispiel konfrontieren wir die jungen Erwachsenen und Jugendlichen mit den Zwängen und Ängsten. Kognitiv bedeutet, dass wir auch viel an den Gedanken arbeiten, indem wir uns die Gedanken anschauen und gucken, ob wir da eine Veränderung reinbekommen, wenn es z.B. bei Depressionen sehr negative Gedanken gibt.“ Dabei greife man dort aber auch auf schematherapeutische oder systemische Methoden zurück.

Die analytische Psychotherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie sind recht ähnlich und versuchen anhand aktueller Probleme frühkindliche Erfahrungen aufzuspüren, die als Grund für aktuelles Handeln herangezogen werden können. Die tiefenpsychologisch fundierte  Psychotherapie unterscheidet sich von der analytischen Psychotherapie im Wesentlichen dadurch, dass aktuelle Konflikte und deren Lösung im Hier und Jetzt stärker im Mittelpunkt der Therapie stehen.

Wie lange dauert ein Klinikaufenthalt?

Frühauf erläutert uns, wie lange ein Klinik-Aufenthalt dauern kann: „Häufig sind die Patienten sechs Wochen bei uns. Bei Essstörungen oft länger, wenn Untergewicht da ist und bei posttraumatischen Belastungsstörungen sind es auch in der Regel acht Wochen. Hier ist es wichtig, dass die Patienten ein wenig mehr Zeit bekommen. Aber bei klassischen Depressionen, Zwängen und Ängsten wären es sechs Wochen.“

Verwendete Literatur:

https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/kinder-jugend-psychiatrie/therapie/psychotherapie/psychotherapeutische-verfahren/ (Stand: 26.März 2019)

https://lexikon.stangl.eu/2273/schematherapie/ (Stand: 26.März 2019)

https://www.dvgp.org/themen-engagement/jugend-und-seelische-gesundheit/erkrankungen-bei-jugendlichen.html (Stand: 26.März 2019)

https://www.netdoktor.de/therapien/psychotherapie/systemische-therapie/ (Stand: 26.März 2019)

Pascal Hannig

Pascal Hannig

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