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Über Sozialismus reden

Nach dem Interview mit Kevin Kühnert (Vorsitzender der Jusos) sind die sozialen Medien voller Kommentare übergelaufen. “was für ein grober unfug. was hat der geraucht? legal kann es nicht gewesen sein.”, twittert zum Beispiel Johannes Kahrs, Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises, über seinen Genossen. Mich interessiert es allerdings weniger, welche Drogen Kevin in seiner Freizeit konsumiert. Viel wichtiger ist, dass wir uns inhaltlich mit seinen Thesen auseinandersetzen. Von Philipp Schröder und Paul Oppermann

Am 01. Mai erschien in der ZEIT das entsprechende Interview mit Kevin Kühnert: “Was bedeutet Sozialismus für Sie, Kevin Kühnert?” (Nur für ZEIT+-Abonnent*innen lesbar). Am Donnerstag sprachen mich zwei Mitschüler, in dem Wissen, dass ich ebenfalls Juso-Mitglied bin, auf dieses Interview an. “Möchtest du auch BMW verstaatlichen?”, “Hast du das Interview mit Kevin gelesen?” oder “Bist du Kevins Meinung?”. Das ist gar nicht mal so einfach zu beantworten, da wir in dieser Diskussion ziemlich am Anfang stehen. Aber grundsätzlich unterstütze ich seine Thesen, die auch schon lange Beschluss der Jungsozialist*innen sind.

Für was steht “Jusos” nochmal?

Der Name “Jusos” bedeutet ausgeschrieben Jungsozialist*innen (in der SPD). Wieso ist es also vollkommen “realitätsfremd”, wenn wir über einen Sozialismus sprechen? Der Name sagt es doch schon aus. Es ist also kein Geheimnis, dass eine linke Jugendorganisation, in deren Name schon das Wort “Sozialismus”, welcher auch als ein Kampfbegriff zu verstehen ist und verschiedene Auffassungen beinhaltet, steht, sich einer solchen Debatte – gerade auch in der Partei – stellt. Die Jusos feiern seit 50 Jahren eine Linkswende – wieso reden wir also nicht über linke Themen, wie einen demokratischen Sozialismus – auf die aktuelle Zeit interpretiert.

“Sozialismus hat schon in der DDR nicht funktioniert”

Ein Makel unserer Debattenkultur, welcher zumindest in Teilen der Geschichte geschuldet ist: Die Begrifflichkeit “Sozialismus” ist durch die DDR-Vergangenheit der neuen Bundesländer in der Bundesrepublik prinzipiell passé: Ideen, die auf der Philosophie Karl Marx’ beruhen, die den sozialen Gedanken zurück in den Vordergrund stellen wollen, werden mit der Rote-Socken-Keule erschlagen, wer es gar wagt, das Wort “Sozialismus” in den Mund zu nehmen, ist in den Augen von konservativen Parteien und “Leitmedien” schon am Tor zur Hölle. Entsprechend hat mich die folgende Debatte und ihr Ton zwar wenig verwundert, aber dennoch logischerweise nicht zufriedengestellt. Um das – hoffentlich ein für alle Mal – klarzustellen: Kein vernünftiger Mensch wünscht sich einen Sozialismus nach Stalin, die Rückkehr der DDR oder ähnliches – und Kevin Kühnert schon gar nicht. Es kann allerdings nicht ernsthaft eine ganze politische Philosophie aufgrund der fatalen Fehlbesetzung ihrer Umsetzung im 20. Jahrhundert diskreditiert werden, zumal sie im Gegenteil auf anderen Wegen viele Fortschritte unserer heutigen Gesellschaft mühsam erkämpft hat; vielmehr muss der Marxismus ins 21. Jahrhundert übersetzt werden – als demokratischer Sozialismus beispielsweise. Gerade die Wohnfrage, die im Interview einen großen Stellenwert einnahm, kann eine zentrale Frage dieses modernen demokratischen Sozialismus’ sein.

Debattenkultur: Wer lesen kann, ist klar im Vorteil

Leider verlief die Debatte in eine vollkommen falsche Richtung, was zu einem großen Teil auch den Medien geschuldet ist. Da das Interview nur für ZEIT+-Abonnent*innen lesbar ist (und das auch erst seit neustem), haben sich viele Menschen den Weg erspart, das Interview im Wortlaut zu lesen und sich einer zweiten Quelle bedient. Diese zweite Quelle kann aber gerade der entscheidende Punkt sein, wieso diese Debatte nicht richtig geführt wird. Viele Medien haben ihren Bericht über das Interview einen Knackpunkt gegeben: Kühnert finde, BMW sollte verstaatlicht werden. Dass Kevin Kühnert aber die Vergesellschaftung von BMW nur als eine mögliche Konsequenz gezählt hat, die einem demokratischen Sozialismus folgen könnte, wurde entweder gar nicht oder ganz am Rande erwähnt. Wer also das Interview nicht gelesen hat, sondern sich einer solchen Zweitquelle bedient hat, ist natürlich empört. “Wollen wir jetzt anfangen, alle Konzerne zu verstaatlichen und eine Planwirtschaft wie in der DDR aufbauen?” “Was hat Kühnert denn da für irre Vorstellungen?” “Wollen wir jetzt auch noch das Geld abschaffen und wie im Mittelalter mit Ware handeln?” Solche Fragen könnten einem durch ein solches Bild durch den Kopf gehen. Sie führen aber klar an seinen Thesen vorbei.

Wieso der Zeitpunkt auch strategisch nicht daneben liegt

Gerade die SPD-Parteiführung hält es, ob hinter vorgehaltener Hand oder offen, für ziemlich daneben und möglicherweise die drohende Wahlschlappe bei der kommenden Europawahl mitverursachend. Diese Argumentation ist zum einen die relativ offensichtliche Suche nach einem Sündenbock für die Unfähigkeit der SPD, sowohl soziale Politik zu machen als auch sie zu verkaufen, zum anderen zieht sie in der unfassbar inhaltslosen Europawahlkampagne 2019 einfach nicht – es ist fast ein Geschenk für die SPD, dass dank Kevin Kühnert eine Möglichkeit geschaffen hat, zumindest über Inhalte und Ausrichtungen zu diskutieren, auch wenn die Parteiführung diese Möglichkeit, wie es aussieht, erfolgreich zum Fenster hinauswirft. Trotzdem denke ich, dass jetzt mehr denn je eine Zeit für innerparteiliche und gesellschaftliche Debatten ist, über Europa und einen demokratischen Sozialismus, also lasst uns keine Zeit verlieren! Venceremos!

Philipp Schröder

Philipp Schröder

Koffeintrinkender Ex-Genosse. Verbreitet seine Meinung gerne ungefragt in Wort und Schrift, wie hier. Nebenbei Schüler, mal mehr, mal weniger.

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