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Ohne erhobenen Zeigefinger

Maurice Snyders arbeitet bei der Drogenberatung des Indro e.V. direkt am Bremer Platz, wo die Münsteraner Drogenszene ansässig ist. Wir treffen ihn am Abend in den von außen unscheinbaren Büroräumlichkeiten.

Indro e.V. steht für „Institut zur Förderung qualitativer Drogenforschung, akzeptierender Drogenarbeit und rationaler Drogenpolitik“. Mich hat sehr interessiert, wofür die Abkürzung steht, und dann war ich etwas schockiert. Ich denke, ihr Mitarbeiter habt sie alle drauf?

Maurice Snyders: (Er lacht.) Nee nee, aber in meinem ersten Jahr hier hab ich das mal auswendig drauf gehabt!

Die Büroräumlichkeiten von Indro e.V. befinden sich unscheinbar direkt am Bremer Platz.

Sag mir doch bitte einmal kurz und knapp, was die Aufgaben eures Vereins sind!

Wir sind akzeptierende Drogenhilfe. Das bedeutet, dass man weggeht von der klassischen Drogenhilfe, in der man sagt: “Du hast ein Drogenproblem. Beseitige dein Drogenproblem, und dann kümmern wir uns um den Rest.” Unser Ansatz ist: “Du hast ein Drogenproblem, aber du hast auch viele andere Probleme. Und wir gehen jetzt einfach mal die Probleme an, die am ehesten behandelt werden müssen und wofür du am meisten Unterstützung brauchst.“ Und es kann durchaus sein, dass die Leute nicht die Drogensucht selber als das zentrale Problem sehen, sondern eher sowas wie nicht gezahlte Mieten, drohende Obdachlosigkeit. Oder sie haben eine schwere Jugend gehabt und müssen die für sich klar kriegen. Oder sie schleppen irgendeine Krankheit mit sich rum, die sie sehr belastet. Und mit dem Drogenkonsum kompensieren sie das ein bisschen. Und das ist eine Sache, die man Anfang der 80er Jahre zum Beispiel vielfach noch anders gesehen und wo man gedacht hat, man muss erst mal das Drogenproblem lösen, alles andere kommt dann automatisch.

Drogenkonsumenten sind immer noch da, Gefängnisse sind voll mit Drogenkonsumenten, Strafen werden ausgesprochen – was hat’s gebracht?”

Ich habe eurem Jahresbericht und der Homepage entnommen, dass ihr sehr dialogbasiert seid. Du hast die akzeptierende Drogenarbeit angesprochen. Was unterscheidet das von Ansätzen, die Drogenkonsum kriminalisieren, und wieso bringt es eurer Meinung nach mehr als zu sagen “Drogen sind schlecht, und wir sperren dich ein”?

Einsperren ist nicht förderlich für jegliche Entwicklung. Wir denken nicht unbedingt, dass das Aufhören den direkten Nutzen bringt, den man sich erhofft. Draufhauen, das macht die Konservative ja schon seit Jahrzehnten, und man sieht ja, dass es keinen Erfolg bringt. Drogenkonsumenten sind immer noch da, Gefängnisse sind voll mit Drogenkonsumenten, Strafen werden ausgesprochen – was hat’s gebracht? Und die Sache ist auch, dass vielleicht auch gar nicht jeder mit dem Drogenkonsum aufhören will. Was ist mit denen, die sagen, dass sie sich ihr Pfeifchen rauchen wollen und dass es ihnen eigentlich ganz gut damit geht? Das ist zwar illegal, aber sie finden es OK. Wenn Milch verboten werden würde, wage ich auch zu bezweifeln, dass jeder aufhören würde, Milch zu trinken.

Eins eurer besonderen Merkmale ist ein Drogenkonsumraum, in dem sich Leute in einer sicheren Umgebung z.B. die Spritze setzen können. Eigentlich sollte man ja meinen, bei Drogenberatung geht es eher darum, die Leute davor zu schützen. Was für eine Idee steht also hinter diesem Raum?

Der Raum ist ja gerade dazu da, die Leute zu schützen. Das mag auf den ersten Blick vielleicht nicht so aussehen, aber wenn Drogenkonsumenten hier reinkommen, muss man sich das so vorstellen: Viele Konsumenten fangen als 15- oder 16-Jährige an, Drogen zu konsumieren. Und dann machen die das häufig wahllos, probieren irgendwas aus und wissen nicht genau über das Handling Bescheid. Dann kommt da vielleicht einer mit einer Spritze und sagt “Kommt, wir hauen uns da alle mal was in den Arm rein!” Und dann macht die Spritze die Runde, und schon hast du die Krankheiten deines Nachbarn. Oder Zeug ist irgendwie dreckig. In unserem Drogenkonsumraum geben wir den Leuten auch „Safer Use“-Botschaften mit, wie sie z.B. starke Krankheiten vermeiden können oder wie sie falschen Konsum vermeiden können. Ein Beispiel: Wenn man die Spritze Richtung Kopf ansetzt, kann man damit einen Hirnschlag verursachen. Wenn man das aber weg vom Kopf zum Herzen hin macht, kann man das verhindern. Das mag sich nicht nach einer großen Sache anhören, aber eine Mutter, deren 18-jähriger Sohn oder Tochter bei uns konsumiert, wird schon froh sein, wenn so ein Hirnschlag vermieden wird. Und vielleicht ist ja so eine Drogengebrauchsphase auch nach zwei Jahren abgeschlossen. Nicht jeder, der mit Heroin oder Kokain anfängt, bleibt auf Drogen.

Was sind speziell deine Aufgaben als Sozialarbeiter bei Indro? Wofür bist du zuständig, mit wem hast du hier zu tun?

Ich mache hier Büroarbeit. Wir vergeben keine Termine oder sowas. Das heißt Leute kommen hier reingelaufen und brauchen Hilfe beim Antragschreiben. Oder sie haben kein Geld bekommen und wollen wissen, woran das liegen kann. Vielleicht wollen sie gern eine Wohnung oder einen substituierenden Arzt finden. Dabei helfen wir dann. Wir vermitteln auch weiter, wenn die Leute eine Entgiftung machen wollen. Natürlich hindern wir keinen daran aufzuhören. Dann helfen wir denen, die richtigen Wege einzuschlagen. Wir bieten hier auch Geldverwaltung an. Wenn die Leute selbst sagen, dass sie nicht so ganz mit meinem Geld klarkommen, mit ihrem Arbeitslosengeld oder mit ihrem Lohn. Die geben das alles für Drogen aus, wollen das aber gar nicht, sondern wollen ihre Miete oder ihren Strom sicher bezahlen. Dann helfen wir ihnen auch, für diese Dinge zu sorgen, geben gute Ratschläge und arbeiten mit ihnen Finanzpläne aus, damit das auch alles gesichert ist. Außerdem geht es natürlich auch um Trost, wir sind da einfach Ansprechpartner. Und ich mache noch ambulant betreutes Wohnen. Das ist wie fast alles hier freiwillig und greift dann, wenn jemand mehr Hilfe benötigt oder möchte und sagt: “Mensch, ich möchte mir von euch tiefergehend helfen lassen, ich brauche intensivere Gespräche. Ihr müsst mich an die Hand nehmen und rausziehen aus dieser Geschichte oder in ein anderes Leben!” Was übrigens auch nicht unbedingt heißt, dass er mit den Drogen aufhören muss. Das geschieht in Form von Hausbesuchen, also nicht mehr hier im Büro-Setting, sondern bei denen zu Hause. Oder wir begleiten sie zum Arzt, damit die Leute ärztliche Ratschläge und Diagnosen besser verstehen können und damit umgehen können. Und damit wir sie dazu kriegen können, auch weiterführende Behandlungen zu machen, ein bisschen antreiben zu können. “Mach das, sonst amputieren sie dir dein Bein!” Solche krassen Sachen haben wir tatsächlich. Und dann arbeite ich noch gelegentlich im Drogenkonsumraum. Da kommen die Leute und wollen konsumieren, und wir vermitteln die „Safer Use“-Botschaften. Und wenn es einen Notfall durch Überdosierung gibt, dann leisten wir Erste Hilfe und rufen einen Notarzt.

Maurice Snyders ist seit knapp zehn Jahren bei Indro und hat vielfältige Aufgaben.

Du machst auf mich einen sehr entspannten Eindruck und scheinst auch ein Mensch zu sein, der mit Humor mit ernsteren Situationen umzugehen weiß. Ich stelle mir vor, dass bei den meisten, die zu euch kommen, auch größere persönliche Tragödien dahinterstecken und Biographien, die sehr belastend sind. Wie gehst du persönlich damit um?

Klar gibt es auch krasse Tragödien. Ich höre auch Geschichten, bei denen ich mir denke “Wie hast du es überhaupt geschafft, das mit so wenigen Drogen auszuhalten?” Da haben wir wirklich Leute, die von ihren Eltern missbraucht wurden, Leute mit psychischen Krankheiten, wo Stimmen im Kopf noch der harmlose Fall sind. Wir haben auch Leute, die Dinge tun, mit denen man eigentlich nichts zu tun haben will: Vergewaltiger, Mörder hatten wir auch schon, Leute, die Omas beklauen. Aber wir haben auch die armen Würstchen, die von den anderen beklaut werden. Das sind eben die ganzen Schicksale, aber das Schöne ist ja: Es ist nicht mein Schicksal. Ich helfe ihnen, das zu bearbeiten, und wenn ich Feierabend habe, dann versuche ich, das hier zu lassen. Klar, es gibt auch aufregende und spektakuläre Dinge, wo ich manchmal nicht weiß, wie ich mich zu verhalten habe. z.B. wenn hier in der Einrichtung einer dem anderen auf die Schnauze hauen will und völlig wutentbrannt ist, und ich stelle mich dazwischen. Dann weiß ich nicht, wie das ausgeht, ob ich nachher ein blaues Auge habe oder ob alles in Ordnung geht. Bis jetzt ist alles gutgegangen. Es gibt hier auch durchaus Respekt unter den Leuten hier, auch wenn‘s mal lauter wird. Aber auch bei Drogen-Notfällen, da geht das Adrenalin hoch, und man fragt sich: “Überlebt er das, schafft er das? Sitzt jeder Handgriff?” Ausgebildete Ärzte sind wir auch nicht, das wiederholen wir zwar alles in Drogenhilfe-Trainings immer wieder, aber wenn das mal nicht so reibungslos wie im Training klappt, wenn man da mal nicht einen Tubus in den Hals geschoben bekommt, weil da irgendwas im Weg sitzt und klemmt, dann wird’s schon schwierig.

‘Komm, du musst mal wieder was für dein Leben tun!’ – und dann kommen sie auch mit… meistens.”

Der Bremer Platz ist hier direkt vor der Tür, und ich kenne es ja von mir selbst: Man geht vorbei, und das ist einfach so eine anonyme Masse an Leuten, die da stehen, und manchmal ist die Polizei oder das Ordnungsamt dabei. Welchen Kontext nimmt der Bremer Platz für Eure Arbeit ein? Gäbe es Indro ohne den Bremer Platz hier nicht?

Die Nähe des Bremer Platzes zum Indro ist praktisch. Die Drogenkonsumenten können schnell den Weg hierher finden, und wir können auch mal rübergehen, wenn wir da jemanden suchen oder wenn wir glauben, der schmiert da gerade ab und hätte hier noch wichtige Sachen zu erledigen. Dann gehe ich rüber und spreche die Leute auch tatsächlich an und sage “Komm, du musst mal wieder was für dein Leben tun!” – und dann kommen sie auch mit… meistens. Nicht immer, aber meistens. Der Bremer Platz ist jaauch ein Arbeitsplatz für die Klientel, die da abhängt. Man ist dort bahnhofsnah, und sie müssen ja Leute anschnorren, um zu Geld zu kommen, eventuell auch Leute beklauen. Und na klar: Das ist auch ein Drogenumschlagplatz. Die Leute kommen mit dem Bus oder mit dem Zug dorthin gefahren, das ist ja deren Lebensmittelpunkt. Obdachlose, die nicht wissen, wo sie sonst hingehem sollen, sind natürlich auch da und finden Gesprächspartner. Wenn der Bremer Platz nicht da wäre, dann gehen sie woanders hin, vielleicht zum Bült. Früher waren sie an der Salzstraße. Sie kommen immer an zentrale Punkte. Es würde ja auch niemand eine Autobahn bauen, wo keiner langfahren will. Und genauso entwickelt sich auch die Drogenszene Orten, die stark frequentiert werden. Sie müssen ja ihr Geld verdienen, und deshalb ist es auch ganz praktisch für uns, dass der Bremer Platz da ist. Wenn man das jetzt zerschlagen oder verteilen würde, dann würden wir die Leute nicht mehr so gut erreichen.

Auch außerhalb der Öffnungszeiten können Drogenkonsument*innen preisgünstig zu sauberen Spritzen kommen – am Automaten vor der Tür.

Die Pläne der Stadt sehen ja vor, dass nach dem Umbau der Ostseite des Hauptbahnhofs der Bremer Platzes neu gestaltet werden soll. Was jetzt ja schon feststeht ist, dass die Grünanlagen erhalten bleiben und die Bäume nicht gefällt werden sollen. Da hat die Stadt offenbar ein bisschen gelernt. Für die Stadt mag ja die Intention dahinterstehen, dass dann der Platz auch nach Außen hin schön aussieht, und für die Anwohner hier ist das ja vielleicht auch mit der Hoffnung verbunden, dass dann für sie der Platz auch wieder nutzbar wird. Wie steht ihr zu diesen Umgestaltungsplänen? Ist es für euch wichtig, dass der Bremer Platz in der Form als eine Art Sammelfunktion erhalten bleibt, oder was wären die Alternativen?

Ja genau: Was sind die Alternativen? Also, die Pläne, wie der Bremer Platz gestaltet werden soll, ändern sich momentan ja ständig. Am Anfang war von einem großen Fahrradparkhaus die Rede, dann sollte ein Spielplatz mit Fahrradabstellplätzen in der Mitte gebaut werden, jetzt soll da neuerdings dieses Riesengebäude mit Einkaufsmöglichkeiten hinkommen. Und die Deutsche Bahn hat übrigens sicherlich auch das Interesse, dass es dort schön sauber und ordentlich ist. Ich kann auch die Hoffnungen der Anwohner verstehen, dass man einen schönen Park haben, dort entlang laufen und nicht angebettelt werden möchte. Wer möchte das nicht? Wer will nicht eine heile Welt haben, in der alles sauber und schön ist und in der man nicht angepöbelt wird? Aber was soll man machen, was sind die Alternativen? Man kann es ja so machen wie in Athen, als man dort für die Olympischen Spiele einfach alle eingesperrt hat. Das ist auch ne Maßnahme, um eine schön saubere Stadt zu haben. Aber: Drogenkonsumenten wird es immer geben. Und da Münster auch gern eine Großstadt sein möchte, ist das auch ein Problem, mit dem es umgehen muss. Auch sowas muss mit versorgt werden, das kann man einfach nicht weg diskutieren. Genauso wie Verkehr. Verkehr ist auch einfach vorhanden, und da kann man auch nicht einfach beschließen, überall Pöller aufzustellen und die Straßen verkehrsberuhigt zu machen. Einige Sachen gehen auch einfach nicht.

Was könnte die Umgestaltung des Bremer Platzes konkret zur Folge haben? Wenn jetzt z.B. die Szene sichtbarer oder ihnen der Raum genommen wird, was würde aus eurer Sicht wahrscheinlich passieren?

Wenn den Drogenkonsumenten der Raum genommen wird, wenn massiv Razzien laufen, wenn Leute verhaftet oder vertrieben werden, vielleicht auch von Ordnungskräften der Deutschen Bahn, die auch nicht zimperlich sind – was würdest du denn machen? Was würdest du machen, wenn du nicht hier hingehen kannst, aber Geld brauchst, du deine Leute nicht mehr triffst, aber Drogen haben musst? Man verabredet sich woanders. Man geht in andere Ecken und versucht, da Leute anzuschnorren oder irgendwie Geld zu machen. Am Hauptbahnhof kann man sicher hier und da noch gut einen Euro schnorren. Aber wenn man dort nicht mehr hin kann, stellt sich ja schon die Frage: Wie kommt man dann an Geld? Und ich weiß nicht, ob das nicht alles im Umkehrschluss noch schlimmer wird und sich die Leute in anderen Vierteln über aufgebrochene Autos und Diebstähle beschweren, denn das wäre wahrscheinlich eine Konsequenz, denn wo willst du es sonst machen? Die Leute brauchen Geld, die Leute brauchen Platz.

Die Sozialarbeiter*innen werden regelmäßig in Erster Hilfe geschult, und Hygiene spielt eine große Rolle.

Wenn wir uns vorstellen, dass es den Indro hier nicht geben würde, wie sähe es dann hier aus? Welche Funktion hat das Institut für den gesamten bereich hier?

Schwierige Frage! Vor 1985 gab’s den Indro ja auch nicht. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es damals hier aussah, da war ich auch selber grad mal 7. (Er lacht.) Wenn ich sehe, wie viele Leute zu uns kommen, wie viele Leute Hilfe annehmen, wie vielen Leuten wir auch helfen können, dann würde es einigen Leuten wirklich dreckig gehen, und das wär natürlich schade. Uns wird auch oft gesagt: “Mensch, das ist klasse, was ihr macht! Ohne euch würde ich hier abschmirgeln”, und ich denke, das Feedback ist auch ehrlich. Wenn die über uns motzen, dann machen die das auch hemmungslos.

Das ist genauso wie wenn ein Betrunkener mal seine Flasche Bier irgendwo rumstehen lässt, so kann das auch mit den Spritzen passieren.”

Ihr habt vor einigen Monaten eine Pressemitteilung mit einer Hochrechung herausgegeben, laut der ihr in einem Jahr über 100.000 Gebrauchtspritzen einsammelt. Also habt ihr ja schon eine Funktion, die über das reine Beraten und Helfen hinausgeht.

Genau, wir haben im Rahmen der „Safer Use“-Geschichte unseren Pumpentausch, d.h. alte Spritzen werden aus dem Verkehr genommen und kostenfrei gegen neue wieder rausgegeben. Ansonsten kann man sie auch sehr preiswert bei uns kaufen, weil wir vermeiden wollen, dass alte Spritzen im Umlauf sind. Die schaden den Konsumenten, die sich mit Krankheiten infizieren können. Und das ist ja schade, wenn jemand nur zwei oder drei Jahre in dieser Szene verweilt, aber riesige Folgeschäden davontagen könnte, wenn wir das nicht bekämpfen würden. Wir haben also eine Truppe, die jeden Tag losgeht und hier in der Gegend Spritzen einsammelt, überall wo irgendwelche Pumpen rumliegen, die achtlos hingeschmissen wurden. Wobei man auch die Konsumenten in Schutz nehmen muss, die sind nicht immer alle nur achtlos. Man darf aber nicht vergessen, dass die eine ordentliche Portion Heroin intus haben. Das ist genauso wie wenn ein Betrunkener mal seine Flasche Bier irgendwo rumstehen lässt, so kann das auch mit den Spritzen passieren. Dann gehen wir aber eben hin und räumen sie weg. Wir wollen natürlich auch nicht, dass sich Anwohner oder Leute, die zum Hauptbbahnhof wollen, an den Spritzen verletzen oder infizieren.

Wenn ihr euch etwas wünschen dürftet: Was für konkrete Wünsche oder Vorstellungen hätte das Indro, wie es weitergehen soll? Mehr Geld, mehr Räume? Ist die Auslatung viel zu hoch für euch?

Die Auslastung ist enorm, doch. Ich merke das selber, es ist Arbeiten am Limit, wenn man bedenkt, was man an Leuten abklappert, gerade heute! Morgen ist der Erste des Monats. Da sieht man, wie viele Leute sich freiwillig in unserer Geldverwaltung helfen lassen. Und dazu kommen diese ganzen anderen Probleme: Kein Geld bekommen, das ist ein ganz großes Drama. Oder wenn jemand kurz davor ist, aus seiner Wohnung rauszufliegen. Und das sind ja keine Sachen, die nacheinander kommen, die sind ja alle gleichzeitig da. Der eine fliegt aus seiner Wohnung, der andere kommt mit dem Geld nicht klar, der Nächste ist vielleicht fast vergewaltigt worden, Obdachlose wollen von der Straße. Einer sucht einen Job, der andere hat seinen Ausweis nicht — und das alles an einem Tag! Und sie wollen natürlich sofort die Hilfe haben. Und hier ist alles eng, klein, alt. Da könnte man schon was optimieren, dass man hier ein paar Leute mehr hat und ein etwas größeres Gebäude, dass man auch mal in Ruhe miteinander reden kann. Denn wir haben hier zwei Büros, in jedem sind jeweils zwei Arbeitsplätze, d.h. es können eigentlich nur vier Leute in Ruhe bearbeitet werden. Und wenn einer ein Problem hat und seine ganze Post hier auspackt, dann ist das schon gleich eine Sache von mehreren Stunden. Aber er kann nicht so lange das Büro blockieren. Diese Leute müssen wir dann wieder rausschmeißen und ein anderes Mal weitermachen, weil es einfach zu viele Leute gibt, die auch just in dem Moment noch Unterstützung brauchen. Also, das wär schon was Schönes.

Bei der Beratung geht es nicht nur um Drogenprobleme, sondern auch um viel Rechtliches.

Habt ihr auch mal direkten Kontakt mit anliegenden Unternehmen oder Anwohnern? Kommt da mal jemand zu euch, oder geht ihr zu denen? Oder findet das gar nicht statt?

Im Rahmen dieser Spritzenaufsammelaktionen werden wir öfter mal angerufen. Dann will z.B. die Schule hier vorne (Montessori-Schule in der Soester Straße, J.T.) Unterstützung haben oder Nachbarn ein paar Häuser weiter. Die rufen dann einfach an und sagen: “Bei uns liegen zwei Spritzen rum, räumt die bitte weg!” Als das Wolfgang-Borchert-Theater umgebaut wurde, hatten sich ein paar Junkies im Altbau verschanzt, und dann haben uns die Arbeiter angerufen, weil sie da einfach nicht arbeiten konnten. Und wir hatten es auch mal, dass eine Theater-Gruppe vorbeigekommen ist und sich für unsere Arbeit interessiert hat. Die wollten mal bei uns gucken, was wir so machen, und das für ihr Theaterstück verwursten und den Leuten aus ihrer Sicht nahebringen. Außerdem gibt es hier noch einen Arzt um die Ecke, der auch Substitution macht. Mit dem arbeiten wir sehr gut zusammen, indem wir Leute zu ihm vermitteln, damit die von der Straße und von der Szene wegkommen. Die Anwohner vergessen das auch immer so ein bisschen und sagen, bei dem Arzt lungern immer die ganzen Kaputten rum. Ja, das stimmt. Aber wenn sie zum Arzt gehen, dann sind sie weniger in der Szene unterwegs, um sich Stoff zu besorgen, müssen weniger kriminelle Geschichten machen. Es gibt Vorteile und Nachteile. Natürlich wollen manche nicht neben dem Arzt wohnen, das ist schon schwerig. Und Obdachlose versuchen wir auch von der Straße runterzukriegen und ihnen auch mal ins Gewissen zu reden. Die kriegen ja auch mit, wenn hier einer aus einem Keller rauskommt, in dem er geschlafen hat, und einen Scooter oder sowas mitbringt. Das sind ja Besitztümer der Nachbarn hier. Und dann sagen wir denen auch: „Stell das wieder zurück, mach doch nicht sowas!“ Wir müssen hoffen, dass sie uns zuhören. Manche machen das auch.

Wir haben sehr gern zugehört und danken Maurice für das Gespräch über einen Aspekt von Münster, von dem man nicht häufig hört!

(Gespräch: Jan Leye; Textumsetzung: Jakob Töbelmann; Bilder: Alex Duk)

Ostviertel-Redaktion

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