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Wenn Lebende mit Toten sprechen

Der 1. November – Tag der Reflexion und des Nachdenkens, oder doch Ruhetag nach der Halloween-Party? Wie soll so ein Tag aussehen? Wie verbringt man den Tag des Jahres, der eigentlich den Toten gewidmet ist? Ein genauerer Blick auf El Día de los Muertos – den Tag der Toten, der jährlich in Mexiko gefeiert wird, kann uns helfen diese Fragen zu beantworten. Aufgrund seiner Originalität und positiven Ausdrucksstärke hat dieser Feiertag schnell großen Anklang auf der ganzen Welt gefunden. Erick Reynoso, ein Mexikaner, der seit über drei Jahren in Münster lebt, erklärt, wie der Tag der Toten aussieht, und worum es dabei geht.

Was ist El Día de los Muertos?

Erick Reynoso: El Día de los Muertos – der Tag der Toten – ist eine mexikanische Tradition, die jedes Jahr am 1. und 2. November in Mexiko zelebriert wird. An diesen Tagen feiern die mexikanischen Familien in Gedenken an Ihre verstorbenen Verwandten.

Wie genau läuft das ab?

Das hängt ganz von den Familien ab. Normalerweise gibt es mehrere Phasen: In den frühen Morgenstunden des ersten November besuchen wir den Friedhof. Dort pflegen und dekorieren wir die Gräber unserer Verwandten. Dafür nutzen wir ganz bestimmte Blumen, die Cempasúchil heißen – deren Blüten sind kugelförmig und haben eine wunderbar goldgelbe Farbe.

Gibt es diese Blumen auch in Deutschland?

Nein. Die Blumen sind typisch mexikanisch und wachsen nur dort. Es gibt noch eine Blume, die wir während El Dia de los Muertos nutzen: Mano de léon o de tericepelo. Eine violette Blume, die fast plüschig aussieht. Daneben verwenden wir natürlich noch Kerzen, wobei wir oftmals ein Kreuz aus Kerzen formen. Es gibt auch Familien, die den ganzen Tag und sogar die Nacht auf dem Friedhof verbringen. Andere wiederum feiern zu Hause.

Was genau machen die Familien, die auf dem Friedhof bleiben?

Das Ziel ist es, bei dem verstorbenen Verwandten zu sein. An diesem Tag kommt der Verwandte gewissermaßen zurück. Meistens bleiben die Leute auf dem Friedhof, die dem Verstorbenen sehr nahe standen – zum Beispiel die Ehefrau. Man macht dann ganz normale Sachen: essen, feiern, usw. Um gute Laune aufzubauen gibt es auch Musik, wie zum Beispiel Banda oder Ranchera. An diesem Tag ist niemand traurig, alle wollen glücklich sein. Man sollte nicht melancholisch sein, wenn man sich an seinen verstorbenen Verwandten erinnert. Man sollte an die guten Momente denken, die man mit der Person verbracht hat, froh sein, dass es diese Person gab und froh sein, dass man so schöne Erlebnisse hatte. Kurz: Man sollte nicht darüber nachdenken, dass es diese Person nicht mehr gibt, sondern froh sein, dass es sie überhaupt gab. An diesem Tag gibt es die Möglichkeit, wieder Zeit mit dem Verstorbenen zu verbringen. Deswegen bleiben die Leute den ganzen Tag auf dem Friedhof.

Und die Leute, die zu Hause bleiben?

Der Verstorbene kommt entweder zu seinem Grab oder aber genau dahin, wo ein Altar für ihn aufgebaut wird. Den Altar errichtet man für gewöhnlich zu Hause, dort ist mehr Platz.
Der Altar ist eine Konstruktion, die sieben Etagen haben muss. Die erste Etage ist ein gemalter Teppich auf dem Boden. Man sollte auch das Lieblingsessen des Verstorbenen kochen und auf den Altar stellen, genauso wie sein Lieblingsgetränk. Auf den Altar stellt man ebenfalls eine Hundefigur. Die Figur eines ganz bestimmten Hundes, eines Xoloitzcuintle.
Kennst du diesen Hund? Es ist eine Rasse, die nicht gerade gut aussieht, er hat nämlich keine Haare.
Ziel ist es, dass der Hund den Toten zu
r Welt der Lebenden führt – und ihn anschließend wieder zurück in die Welt der Toten holt. Der Altar sollte zudem einen Kopal haben. Das ist Weihrauch. Ganz ähnlich wie der Hund bewirkt der Weihrauchgeruch eine Überführung des Toten.
Auf dem Altar sollte auch ein christliches Kreuz stehen, das Fest ist nämlich eine Mischung indianischer und christlicher Tradition.
Auch ein Bild des Verstorbenen darf nicht fehlen. Das alles baut man zu Hause auf und lässt es ein paar Tage stehen. Am Abend des 1. November trifft sich dann die ganze Familie und isst gemeinsam zu Abend. Das ist eigentlich recht ähnlich zu Weihnachten, aber ohne Geschenke. (Er lacht.)

Warum muss der Altar genau sieben Etagen haben?

Der Altar hat sieben Etagen, weil es sieben Sünden gibt. Aber zurück zu dem Altar: Wir dekorieren das Ganze mit buntem Papel Picado. Der Teppich auf dem Boden soll für den Toten eigentlich ein Weg nach Hause sein, aus den Blumen wird dazu eine Brücke gebaut.

Bauen die Familien den Altar wirklich, weil sie einen Weg für den Toten nach Hause erschaffen wollen, oder machen das die Mexikaner, weil es eine schöne Tradition ist?

Die Leute glauben tatsächlich daran. Zum Beispiel sollte man etwas von dem Abendessen für den Toten übrig lassen und es auf den Altar stellen. Ich habe oft gehört, dass das Essen am nächsten Tag keinen Geschmack mehr hatte, das heißt, dass der Verstorbene da war und mitgegessen hat. Man glaubt also wirklich daran, dass die Seele des Toten kommt. Der Tag hat tatsächlich einen Sinn.

Was genau hat deine Familie am Día de los Muertos gemacht?

Meine Familie hat nie einen Altar gebaut. Wir sind zwar jedes Jahr zum Friedhof gegangen und haben das Grab schön gemacht, aber wir sind da auch nie länger geblieben. Zumindest ich habe das nie gemacht. Vielleicht auch weil wir glücklicherweise keine engere verstorbene Verwandtschaft hatten. Dafür baut man aber oft Altäre an den Schulen oder Unis.
Am Ende des Tages und am 2. November gibt es dann eine Ausstellung, die für alle offen ist. Dazu gibt es sogar eine Kirmes, wo man typisch mexikanisch essen kann.
Da wird auch erzählt, für wen die Altäre gebaut sind, fast immer sind das besonders bekannte Mexikaner.

Muss das immer ein Mexikaner sein?

Muss nicht, aber dadurch, dass es eine mexikanische Tradition ist, ist das ganz normal, dass ein Altar für einen Mexikaner gebaut ist – ich schätze zu 95 Prozent.

Du hast gesagt, dass man die Altäre an Schulen und Universitäten baut. Das bedeutet, dass es eine sehr große Tradition ist, an der nicht nur Kinder beteiligt sind.

Ja, die Studenten und Professoren machen mit. Wir bilden Gruppen und jede Gruppe macht einen eigenen Altar. Am Ende gibt es dann einen Wettbewerb, bei dem sich alle für den besten Altar entscheiden.

So ein Altar ist eine große Sache für euch.

Ja, definitiv.

Aber warum?

Ich habe das Gefühl, dass man beim Aufbauen eines Altars auch eine Gemeinschaft aufbauen kann. Die Menschen, die zusammen arbeiten, verfolgen alle ein schönes Ziel. Das bringt uns einander näher. Ich selbst habe das leider nicht mit meiner Familie gemacht, aber ich finde, es ist eine sehr schöne Sache. Alle kommen zusammen, um sich an meinen Opa zu erinnern. Eine gemeinsame Aktion, die die Familie verbindet.

Aus welchem Grund habt ihr dann darauf verzichtet?

Meine Familie ist nicht wirklich katholisch und hat nicht wirklich daran geglaubt. Ich zum Beispiel habe meinen verstorbenen Opa nie kennengelernt. Ich hatte nie eine Verbindung zu ihm, daher habe ich keinen Altar gebaut. Das wäre sinnlos.

Lass uns zu noch einmal generell zur Tradition von El Día de los Muertos zurückkommen. Bei meiner Recherche zu El Día de los Muertos habe ich überall das Wort Calavera gelesen. Was hat es damit auf sich?

Calavera bedeutet Totenkopf. Das kann verschiedene Formen annehmen: An den Festtagen gibt es überall Süßigkeiten in Form von Totenköpfen. Viele Leute malen sich auch Totenköpfe auf ihre Gesichter – sowohl Frauen als auch Männer. Ein ganz bestimmtes Make-up. Und im Grunde ist das Calavera ein dekorierter Totenkopf mit farbigen Schattierungen – die Augen z.B. sehen wie eine Blume aus.

Ein Totenkopf also – sieht der eher schön als gruselig aus?

Ja, ich glaube, genau das ist unser Ziel. Nicht andere zu erschrecken, sondern ihnen zu zeigen, dass der Tod nicht immer schlimm sein muss. Der Tod ist etwas Natürliches, ein Teil des Lebens. Letztendlich werden wir alle sterben, doch diese Erkenntnis sollte uns nicht traurig stimmen, sondern ermutigen, das Leben zu genießen. Man sollte sich nicht zu viele Gedanken machen.

Allerheiligen ist in Deutschland ein Tag des Gedächtnisses und der Melancholie. Wir sind eher nachdenklich und traurig, dass unsere Geliebten von uns gegangen sind. Wie du bereits gesagt hast, versucht ihr in Mexiko, das Leben zu feiern und den Tag irgendwie mit diesen Menschen zu genießen. Aber wie bleibt man in so einer Situation positiv? Wird man nicht automatisch nachdenklich?

Das ist eine gute Frage. Vielleicht ist das Teil der mexikanischen Mentalität. Das muss nicht immer gut sein, aber die Mexikaner haben ein enges Verhältnis zum Tod. Wenn ein Verwandter gestorben ist, bist du natürlich traurig, aber das muss nicht jedes Jahr wieder passieren. Wir wollen nicht, dass die Erinnerung, das Einzige, was von dem Verstorbenen geblieben ist, sich zu etwas Negativem verwandelt. Wir wollen, dass die Beziehung zu unseren verstorbenen Verwandten positiv bleibt. Sie war ein wichtiger Teil unseres Lebens, und das sollten wir nicht vergessen. El Día de los Muertos kam durch die Indianer in unsere Tradition und wurde später von der christlichen Tradition der Spanier beeinflusst. Ich glaube, das ist eine gute Mischung.

Wie verhält sich El Día de los Muertos zu Halloween? Mexiko ist doch ein Nachbar der USA.

Das ist schon traurig, dass El Día de los Muertos so negativ von Halloween beeinflusst wird. Inzwischen ist es normal, dass die Kinder verkleidet rausgehen und versuchen, Süßigkeiten zu sammeln. Ich hoffe, dass zukünftig nicht die originale Tradition verloren geht. Ich finde Halloween ist eine leere Tradition. Bedeutung hat das für mich nicht.

Vor dem Interview hast du mir gesagt, dass du selbst, statt einen Altar zu bauen, verkleidet rausgegangen bist und um Süßigkeit gebeten hast.

Ja, das stimmt.

Hat sich deine Meinung geändert?

Ich habe bei Halloween mitgemacht. Aber da war ich ein Kind, ich wollte immer Süßigkeiten und die habe ich da kostenlos bekommen. Als ich älter wurde und mir einige Sachen stärker bewusst waren, habe ich gemerkt: Halloween ist nicht so schön. Letztendlich war Halloween nicht mehr als ein paar kostenlose Süßigkeiten und Spaß mit Freunden. Dann habe ich von El Día de los Muertos gelesen, recherchiert und gesehen, dass es ein schönes Fest ist. Es geht nicht nur darum, ein Grab schön zu machen, es steckt mehr dahinter. Es geht um Erinnerung, um Gemeinschaft, um das Leben und das zu feiern, was wir haben. Das ist eine schöne Bedeutung.

El Día de los Muertos ist sogar auf der repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit gelistet. Es ist ein weltweit bekannter Tag. Was bedeutet dieser Tag für Mexiko und sein Volk?

Darin spiegelt sich die mexikanische Mentalität wider. Wir wollen dadurch zeigen, dass Sterben nur ein Schritt im Leben ist. Es gibt sehr viele Elemente indianischer Tradition an diesem Tag, und Mexikaner lieben ihn. Das ist ein Teil von uns, ein Teil von unserer Geschichte und ein Teil unserer Kultur. Und das wollen wir erzählen. Es zeigt, dass wir ein entspanntes Volk sind, nicht so traurig und eher optimistisch.

Würdest du zum Ende noch gerne etwas ergänzen?

El Día de los Muertos sieht sehr schön auf den Fotos aus, aber das live mitzuerleben ist einzigartig. So etwas kannst du nur in Mexiko erleben. Ich kann nur allen sagen: Wenn ihr die Möglichkeit habt, an diesem Tag in Mexiko zu sein, macht das! Fliegt dahin, macht es einfach. Die Atmosphäre, die die Mexikaner dort aufbauen, ist unbeschreiblich. Einfach besonders. Ich kann es nicht erklären, das musst du fühlen.

Weitere Fotos:

Gespräch: Daria Jaranowska
Redaktionelle Bearbeitung: Linus Alsbach

Daria Jaranowska

Daria Jaranowska

Journalistin, Koordinatorin für Internationales und Bürgermedien im Bennohaus.

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